Rommérunde

„Am Abend, wenn die dicke glutrote Sonne hinter den uralten Fliederbaum die andere Seite der Erde aufsuchte, um dort ihre Hitze über die trockene Savanne tanzen zu lassen, lud mich meine Oma manchmal zum Rommé spielen mit ihren Schwestern ein.

Rommé war ein Spiel, bei dem es immer lustig zuging. Sie spielten es offenbar schon zu Kaiserszeiten.

Tante Liese war die geborene Spielerin. Kühl, still und am Ende gewann sie in einem Zug.

Tante Leni, ewig kränklich, jammerte schon bei der ersten Karte und versuchte sich mit großen Kinderaugen, neue Spielkarten zu ermogeln. Manchmal ließen wir uns hinreißen.

Tante Hedwig kam nur in der Erntezeit dazu.

„Reine Zeitverschwendung, wenn ihr mich fragt. Gesellschaftsspiele jeglicher Art, sind so wichtig wie das Haar in der Suppe.“ Dabei goss sie sich den vierten Eierlikör ein und legte aus. „Was man alles sinnvolles tun könnte, wie viele Gläser ich noch einkochen könnte, Prost meine Lieben, wenn ich noch welche hätte.“ Das sie sich trotzdem überwand nutzloses zu tun, kündigte sich ungefähr nach dem achten Schokobechern voll selbstgemachtem Eierlikör an.

Am Anfang meiner Rommékarriere, fragte ich mich regelmäßig, welchen Grund es gab, zu einem Ereignis zu gehen, dass man so offen ablehnte.

„So ein dämliches Spiel, und dann liegt die Dame noch zwischen Bube und König. So unentschieden. Wenn sie wenigsten neben dem Jocker liegen würde, wäre ja alles viel spaßiger, aber so.“

„Wieso wäre das spaßiger, Tante Hedi?“, mein Blick wanderten über den Tisch hin zum Jocker. Der lag zwischen zwei Zehnern und langweilte sich. Ein Narr, bunt und wild. Schellen an den Schuhen und an der dreieckigen Kappe auf dem Kopf.

„Habt ihr noch leere Einweckgläser Mädchen?“ Tante Leni schob behutsam bei der Frage den Jocker aus der Zehnerreihe und legte eine Herzzehn an seine Stelle.

Immer um den achten Eierlikör kam die Frage nach den leeren Einweckgläser, wenn Tante Hedwig mit am Spiel teilnahm. Eigentlich von ihr selbst. Heute hatte Tante Leni wohl ebenfalls alle aufgebraucht.

„Was ist denn jetzt mit dem Jocker?“ drängelte ich auf Antwort.

„Der ist ein Musiker und nicht so langweilig wie der König und sein Bube. Da hätte die Dame mal mehr … „ der Rest des Satzes ging in schweren Hustenanfällen der Beteiligten unter und Tante Hedwig grinste breit. „Hedwig, das Kind ist elf.“ zischte meine Oma über den bunt beladenen Tisch.

„ … Abwechslung“, schob Hedwig trocken nach … „


Aus Alltag im Wort am 31/8/2019 zum Erwin Strittmatter Literaturwettbewerb erschienen

Mit Widmung bei mir bestellbar, über Kommentarspalte

2 Kommentare zu „Rommérunde

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