Schwesterherz

Literaturpreis in der Kategorie: Kurzgeschichte
2016 zeilen.lauf – art.experience Baden b.Wien

„Ich bleibe einfach hier sitzen, bis ich vermodere. Bis Gras über mich wächst, bis mein Blut verdampft in meinen Adern, dann hört es wenigstens auf zu brennen. Bis ich in den Bauch atmen kann ohne Stiche im Herzen.

Deine zerfledderten Lieblingschucks baumeln vor meinen Augen, der rechte Schnürsenkel ist zerrissen. Über deine nackten Fesseln tanzen die Sommersprossen, sprießen hellblonde Haare. Wie bei mir. Heute sind wir sechsunddreißig geworden. Ich habe mich unter dich gesetzt. Die Vögel zwitschern und es ist ganz friedlich im Garten.

Glaubst du, dass es jetzt besser ist? Für mich nicht! Glaubst du, dass jetzt Ruhe herrscht? Für mich nicht! Arschloch Elendes. Verrotten sollst du in Satans Fängen. Mir deinen Tod aufzuhalsen. Mir deine Wut aufzuzwingen. Mich damit zu behelligen, dich abschneiden zu müssen. Hast du denn kein bisschen Anstand?

Diese Waldbrände, die deine Worte in mir auslösten, waren vor Jahren gelöscht. Bis eben.

Das Display mit deiner SMS in meiner Hand schimmert, seitdem ich sie von dir bekam. Wind ist aufgezogen und dein linker Turnschuh tippt immer wieder leicht an meine Schläfe.

„ Happy 36. Schwesterherz.“, schriebst du mir heute Mittag, „ Bin gerade zu Hause bei Mum und Dad, meine Angst kontrollieren, habe dich so bewundert damals beim Sprung, bin verloren gegangen als du von mir gingst, liebe dich bis zum Mond. Ich komme nicht mehr zurück. Wünsch` mir Glück.“

Der zartbittere Geschmack der Schokolade, die ich mir zusätzlich in den Kaffee geschüttete hatte, rann in meiner Kehle hinab. Erdbeergeschmack mischt sich unter die Schokolade und meine Gedanken wandern zu unserem elften Geburtstag. Erdbeerpyramide mit Sahne auf Meerrettichblättern mit Bitterschokoladestreusel und der dazugehörige Nachmittag.

Mit Spargelkraut an den Armen, in meiner selbstgebauten Seifenkiste auf dem Dach vom Holzschuppen und der Gardine auf dem Kopf als Geschwindigkeitsregulator, flog ich als Astronautin zum Mond. Ich hatte solche Angst vor dem Sprung. Es war so hoch, trotzdem wollte ich wissen, wie sich das anfühlt, außerhalb der Erde schwerelos zu sein.

„Das traust du dir nicht. Du gibst nur an!“, giftetest du zu mir hoch. „Doch.“

Beim Aufkommen krachte es gewaltig, leicht schwindelig war mir und im Rücken stach es spitz. Für einen winzigen Moment schwerelos und dabei hatte ich die Angst in mir kontrolliert. Ich war unheimlich stolz und schwebte im All auf den Mond zu. „Du wärst das mutigste und schönste Mädchen, dass ich kenne, Schwesterherz,“ züngeltest du in mein Ohr. „Ohne Sommersprossen. Und ziehe dir mal was anders an, du siehst aus wie ne Vogelscheuche. Den Sprung kann jeder!“ Nancy, im rosa Tüll, schwebte in dem Moment durch die Gartentür. Ihr habt geknutscht und über mich gelacht. Plötzlich allein. Schweißgeruch stieg mir in die Nase und mein viel zu kurzer Ringelpullover kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt.
Der Geschwindigkeitsregulator hatte sich an der Dachrinne verfangen und zog an meiner Kopfhaut. Fest gehakt.

Ich hatte mich bisher nicht großartig betrachtet, mir war es nicht so wichtig, was ich an hatte, ich musste mich nur gut darin bewegen können. Mit anderen Kindern spielten wir nicht, lehnten wir ab. Wir waren bis Nancy kam, immer nur unter uns. Wir hatten eine eigene Sprache und fühlten was der andere dachte. Diese ausgeklügelten Rollenspiele mit ganzem Einsatz und selbstgebauten Requisiten, das konnten die anderen nicht. Und jetzt sollte ich plötzlich falsch sein.

Ich sah zum ersten Mal durch deine Augen, dass ich nicht genügte.

Die zu kurzen Ärmel, die staksigen langen Beine in der uralten roten, oft gestopften Kordschlaghose mit immerwährendem Hochwasser. Meine runtergetretenen gelben Lieblingssandalen, in denen meine Füße aussahen wie Riesen in Zwergentracht. Ich sah meine Sommersprossen an den dünnen Handgelenken und der weiche weiße Flaum darüber. Vogelscheuche, hast du gesagt.

In meinen Adern zischte die Vergeltung. Bring ihn um diesen Verräter, brannten die Wangen.

Sprüche von den anderen Kindern, trafen mich nicht. Von dir, waren sie vernichtend. Sie nisteten sich ein, wie Fliegeneier ins Fleisch. Vermischten sich mit meinem Blut und flossen ab da in meinen Gedärmen ohne Unterlass. Ich wollte nicht zulassen, dass ich sah was du mir vorschriebst zu sehen. Mein stechender Rücken erinnerte mich an meinen Flug durch das All und die Angst, die ich überwunden hatte und ich schleuderte dir mein „Nein, das bin ich nicht.“, in wilder Wut entgegen. „Ich bin dein persönlicher Racheengel!“ Mit unserer selbstgebauten Steinschleuder beantwortete ich den aufgezwungenen Krieg.

Nancy musste danach zur Notaufnahme gebracht werden und kam nie wieder. Deine Platzwunde lief quer übers Gesicht. Du sahst aus wie ein Pirat. Niemand sollte sich zwischen uns stellen. Wir gehörten zusammen auf Lebenszeit. Ich hörte das Pfeifen und den Knacks deiner Faust, die in mein Gesicht schlug. „Du dürre Hexe, das wirst du büßen.“

In den unerbittlichen Feldzügen, die wir danach auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern führten, begriff ich irgendwann, dass es nicht meine Wut, sondern deine Angst vorm Versagen war, die mich untrennbar mit dir verknüpfte. Da ging ich, um mich zu finden.

Karl? Karl, bitte, kannst du mal deine langen Arme um mich schlingen. Bitte. Karl, mir ist so kalt.



2017 erneut publiziert in KuLi – Zeitschrift für Kunst & Literatur

Kann bei mir unter der Kommentarspalte bestellt werden.
Gern auch mit Widmung.

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