in vivo

Wenn der Tag seine Kleider abstreift, um der Nacht nah zu sein,
schenke ich die Zeit her und verliere mich im Augenblick.
Dann flüstert die Vergangenheit der Zukunft zu, dass ich unsterblich sei.

Gestern war Silvester.

Ich sitze sicher auf dem Sessel meines Urgroßvaters. Hinter der Rückenlehne ist nichts von mir zu sehen, einzig der Tropfständer verrät, dass ich noch da bin. Meine Familie hat sich am Esstisch zum abendlichen Kartenspiel versammelt und ich zeichne, wie immer, auch jetzt. Meine Träume über Künftiges, meinen Verfall, den ich im Fensterflügel vor mir sehe und den winterstillen Garten dahinter. Langsam ziehen die Figuren über das samtweiche Papier. Jeder Strich müht sich aus meiner verzwergten Welt hinaus. Ich kann die Kohle kaum noch halten.

Auf dem Papier spaziere ich am Lido, schwimme in der Adria, springe in das nächste Vaporetto nach San Michele hinüber, um die Versteinerten der Toteninsel in ein Gespräch zu verwickeln. Stelle Fragen und suche Antworten. Wie der Junge, der ein paar Grabstellen weiter weg sitzt. Der ebenso zeichnet. Er ist älter, schon fast ein Mann. Um zu wissen, was ich ihm antworte, kritzel ich ihn auf mein Papier. Seine Züge, seine Wärme, diesen Moment, wenn er hinausschaut, wieder zurückkommt aus den inneren Welten. Manchmal schaut er danach herüber und ich vergesse zu atmen. Versinke im graugrünen seiner Augen. Wenn ich wieder zu mir komme, bin ich allein.

Vor Toresschluss muss ich den Ort verlassen, Skizzen und Stifte zusammenraffen, dem unwilligen Gegrummel des Padre folgen und schließlich auf das letzte Boot gequetscht, hinüber schippern zu den Lebenden.

Im Abenddämmer flackern die Totenkerzen übers Wasser, als letzter Gruß zur Nacht.

So war das noch im Sommer.

Feuer knistert. Mamas Uhr tickt. Kohle schieben meine Finger über das samtweiche Papier, kreuzen Linien. Schiefergraue Krallen und der weiß beklebte Zugang der Kanüle ist verschmiert. Die frische Luft durch einen dünnen Schlauch. Die grellen Röhren des Krankenzimmers, aus dem ich mich entlassen habe, hätten auch diese Lust radieren.

Ein viertel Jahr. Vielleicht auch kürzer, hörte ich im Schwesternzimmer flüstern. Ersticken, soviel ist eindeutig. Kein schöner Anblick. Wie soll man ihr das sagen, sie ist ja noch so jung.

Hustenberge brennen mich von innen aus. Dürre Luft pfeift durch die rissige Röhre, schleppt einen Lastkahn Atem nach innen bis mir schwindelt. Siechende im Sommerkleidchen mit den Beinen einer Möwe, braune Glaskörperaugen im Fensterflügel vor mir in einem Vogelgesicht. Memento mori.

Mein rot angestrichener Mund, neben dem Rouge über pergamentne Hautdurchsichten im Flackerschein. Diese Untermalungen gewähre ich meiner Familie, damit sie hoffen können. Ich hoffe nicht mehr. Worauf? Auf ein Ersticken? Ich will es hier beenden, das ist mein gutes Recht. Bestimmt er meine Leben, bestimme ich den Tod.

Er hat sich eingeschlichen. Versteckt. Ich habe ihn gewähren lassen, bis es zu spät war. Er fragt nicht. Mein ist sein. Allen Absprachen zum Trotz, hat er sich eingelebt. Hat meine Zeit in seine Hände genommen und verwaltet sie nach seinen Vorstellungen.
Verkriecht sich, wenn ich nach ihm suche, wenn ich ihn aufspüre, verleugnet er sein Dasein. Verlangt, vernebelt und sucht sich neue Orte, neue Formen. Nur dabei sein, bei mir sein, ganz nah. Das ist doch nicht zu viel verlangt, raunt er mir in den Neumondnächten zu. Ich will nichts weiter, als dich genießen, du meine Wunderschöne!
Carpe diem bis zum Schluss.

Funken sprühen aus der Glut im Kamin, blaue Hitzewölkchen wabern über dem Orange des verbrannten Scheites ..


24. September 2019 in der Anthologie Monstrum im Litac Verlag erschienen:

Im Buchladen, Amazone und auch bei mir mit Widmung bestellbar, über Kommentarspalte

4 Kommentare zu „in vivo

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